Der Club Dialog e. V. erhält seit April 2025 im Rahmen des ESF Plus-Programms “BELL – Bildung und Engagement ein Leben lang” eine Förderung vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ). Mit dem Programm werden 50 Projekten bundesweit unterstützt, die dabei helfen, die Potenziale des lebenslangen Lernens auch für ältere Menschen zu realisieren. Im Mittelpunkt stehen Menschen ab 60 Jahren. Im Projekt BELL des Club Dialog e.V. bilden sich Ältere sprachlich und im digitalen Bereich weiter und bereiten sich auf die Übernahme eines Ehrenamts vor. Die Geschäftsführerin des Club Dialog e.V., Frau Dr. Natalia Roesler, stand der Redaktion des BNE-Portals für ein Interview bereit.
Frau Dr. Roesler, warum ist es so wichtig, das Bildungsangebot für ältere Menschen zu erweitern?
Eingangs ist es anzumerken, dass unser Angebot speziell ältere Menschen mit Migrationsgeschichte adressiert – Russisch-Sprechende und Ukrainisch-Sprechende, in den nächsten Jahren planen wir auch, die vietnamesische Community anzusprechen. Bei dieser Zielgruppe ist es schwer, von einer “Erweiterung” der Bildungsangebote zu sprechen, da es eigentlich fast gar keine gibt. Vorhandene Bildungsangebote für Senioren, zum Beispiel von den Volkshochschulen sind eher für die einheimische, Deutsch sprechende Bevölkerung gedacht – sowohl in der sprachlichen Gestaltung und Themenwahl als auch in der Form der Zielgruppenansprache. Deswegen ist es für uns sehr wichtig, das Projekt BELL zu starten.
Die anderen Gründe, warum es wichtig ist, betreffen insgesamt die Gruppe der Ü-60-er:
Bildung endet nicht mit dem Eintritt in den Ruhestand. Gerade die Zielgruppe 60+ bringt enorme Erfahrungen, bisheriges Wissen und Lebenskompetenz mit — diese gilt es nicht als “abgeschlossen” anzusehen, sondern weiter zu nutzen und weiterzuentwickeln. Das stärkt das Selbstwertgefühl und die Teilhabe.
Ältere Menschen sind in unserem Projekt nicht nur Konsumentinnen und Konsumenten von Angeboten, sondern können darüber hinaus aktiv werden – sei es im Ehrenamt, in lokalen Netzwerken oder durch Weitergabe von Wissen an Jüngere. Wir planen selbstorganisierte Aktivitäten mit der Gruppe – wir haben bereits mit Ausflügen angefangen, die von einem Teilnehmenden organisiert werden.
Ohne ein gezieltes Angebot riskieren wir außerdem, dass ältere Menschen an gesellschaftlicher Teilhabe und an technologischen Entwicklungen wie beispielsweise der Digitalisierung vorbeigehen — das würde sowohl individuelles Potenzial als auch gesamtgesellschaftliches Potenzial verschenken.
Wie möchten Sie die bisherigen Lebens‐ und Lernerfahrungen der Teilnehmenden in Ihr Angebot einbeziehen?
Bei unserem Projekt “BELL bei Club Dialog e.V. ” legen wir großen Wert darauf, dass die Teilnehmenden mit ihren bisherigen Erfahrungen und Lernwegen aktiv eingebunden werden. Konkret heißt das:
Wir strukturieren das Bildungsangebot modular, so dass unterschiedliche Ausgangslagen berücksichtigt werden, wie etwa der Bildungsstand, wie lange jemand in Deutschland lebt, welche Sprachkenntnisse bestehen.
Wir nutzen die Lebens- und Lernerfahrungen der Teilnehmenden, indem wir beispielsweise in Workshops gezielt fragen: “Was haben Sie bisher gelernt? Welche Kompetenzen bringen Sie mit? Welche Themen sind Ihnen wichtig?” So kann das Angebot mitgestaltet werden.
In den Modulen zur gesellschaftlichen Beteiligung und zum Engagement wird gezielt angesetzt: Wir ermutigen ältere Teilnehmende, ihre Erfahrungen einzubringen – sei es als Mentoren, als Ehrenamtliche, als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren oder im lokalen Setting. Sie dürfen eigene Aktivitäten konzipieren, die sie dann mit anderen Teilnehmenden durchführen, zum Beispiel Vorlesungen oder Aktivitäten zum Gesundheitserhalt.
Wir sehen die Teilnehmenden nicht als homogene Gruppe, sondern als Individuen mit vielfältigen Hintergründen – diese Diversität nutzen wir: Erfahrungswissen von Migrantinnen und Migranten, älteren Erwerbstätigen, Menschen mit Ehrenamts- oder Familiengeschichte – all das kann in Gruppen- und Austauschsettings wie einem geplanten Communityaustausch eingebracht werden.
Wie werden Sie konkret das Modul “Digitalisierung und KI für Senioren” umsetzen und welche methodischen Ansätze haben Sie geplant?
Folgende Vorgehensweise und methodische Ansätze sind geplant:
Niedrigschwelligkeit: Wir starten mit grundlegenden Themen der Digitalisierung – zum Beispiel Smartphone/Tablet bedienen, Internetnutzung, Kommunikation via Messenger und bieten dann aufbauend KI‐bezogene Inhalte an – zum Beispiel wie KI im Alltag wirkt, welche Chancen und Risiken bestehen.
Praxisorientierte Workshops: Statt reinem Vortrag bieten wir Kleingruppen-Workshops, in denen Teilnehmende mit eigenen Geräten, sofern möglich, arbeiten oder Geräte zur Verfügung gestellt werden. So lernen sie “am eigenen Gerät”.
Peer-Lernen und Erfahrungsaustausch: Wir fördern, dass Teilnehmende ihre eigenen Erfahrungen einbringen – zum Beispiel ältere Menschen, die schon digitale Schritte gemacht haben, moderieren oder begleiten kleine Einheiten. Damit wird Lernen gemeinschaftlicher.
Mehrsprachigkeit und kulturelle Teilhabe: Da unsere Zielgruppe u. a. Menschen mit russisch- oder ukrainisch-sprachigem Hintergrund ist, werden Teile der Angebote in diesen Sprachen angeboten.
Einbindung von Lebensweltrelevanz: Wir zeigen Anwendungen, die im Alltag relevant sind – zum Beispiel Online-Behördengänge, Kommunikation mit Familie, Gesundheitsinformationen, aber auch Chancen durch KI, wie Sprachassistenten, Übersetzungstools. Damit wird Digitalisierung greifbar.
Eine sehr wichtige Funktion von KI, die für viele unsere Teilnehmende eine echte “Erlösung ist”, ist die Möglichkeit, qualifiziert und richtig schriftlich zu kommunizieren. Das ist übrigens auch die Funktion, die vielen arbeitenden Senioren mit Migrationsgeschichte hilft – denn auch die haben wir im Projekt. Zum Beispiel: Eine Person arbeitet in der Buchhaltung eines Vereins, sie muss natürlich nicht nur rechnen können, sondern auch mit Zuwendungsgebern und Behörden schriftlich kommunizieren, ihre Anfragen beantworten etc. Dafür hat sich die Person früher an die jüngeren Kolleginnen wenden müssen und ihre Zeit in Anspruch genommen, sie hat sich als “unvollständige Arbeitskraft” gefühlt. Heute kann sie es alleine erledigen – mit KI.
Anderes Beispiel: Wir unterstützen im Projekt die Bildung von Austauschgruppen unter Teilnehmenden in den Sozialen Medien wie über Telegram und WhatsApp. Ein Beispiel der Gruppe bei Telegram: “Starschij Berlin”, Ukrainisch für “Seniorenberlin“.
Wir bieten individuelle Unterstützung bei Anschluss- und Begleitangeboten, damit Teilnehmende nicht nur im Workshop mitmachen, sondern tatsächlich Routine entwickeln – zum Beispiel als Helferinnen und Helfer oder in Tandems.
Wie könnte lebenslanges Lernen in Zukunft aussehen und auf welche Bedürfnisse von älteren Menschen sollte in Bildungsangeboten noch mehr eingegangen werden?
Aus meiner Sicht wird lebenslanges Lernen zunehmend flexibler, individueller und partizipativer gestaltet werden — und das heißt konkret:
- Hybride Formate: Angebote, die sowohl Präsenz- als auch Online-Elemente enthalten, damit ältere Menschen je nach Mobilität, Interesse und Technikaffinität teilnehmen können.
- Selbstgesteuertes und partizipatives Lernen: Lernende gestalten mit – Themenwahl, Lernrhythmen, Lernpartnerinnen und Lernpartner. Ältere Menschen wollen nicht nur “beschult” werden, sondern mitgestalten.
- Peer- und generationsübergreifendes Lernen: Bildungsformate, in denen ältere Menschen mit jüngeren zusammenkommen – Ältere bringen ihre Erfahrung ein, Jüngere ihre digitale Routine. Das fördert Austausch, Verständnis und inklusives Lernen.
- Sinn- und lebensweltorientierte Themen: Ältere Menschen interessieren sich verstärkt für Themen wie Gesundheit, Prävention, Kultur, Engagement, Erbe, aber eben auch für Technologie und gesellschaftliche Entwicklung. Bildungsangebote sollten diese Themen mit aufgreifen.
- Individuelle Zugänge, Muttersprachlichkeit und Barrierefreiheit: Lernangebote müssen barrierearm sein – hinsichtlich Sprache, Technik, Mobilität, Lernvoraussetzungen. Ältere Menschen haben sehr unterschiedliche Voraussetzungen.
- Wertschätzung der Lebens- und Berufs- bzw. Migrationserfahrung: Bildungsangebote sollten ältere Menschen nicht auf “fehlende Kenntnisse” reduzieren, sondern ihre Erfahrungen, Kompetenzen, Netzwerke würdigen und einbauen. Gerade was Senioren aus der ehemaligen Sowjetunion anbetrifft, die in Deutschland leben – fast 70 Prozent von denen haben einen Hochschulabschluss. Das sind noch ziemlich aktive Menschen mit guter Bildung, die sich engagieren wollen.
- Technologischer Wandel als Thema: Digitalisierung, KI und gesellschaftlicher Wandel werden weiter zunehmen — ältere Menschen sollten nicht ausgespart werden. Vor allem, weil viele Prozesse in der Zukunft nur digital gestaltet werden können. Aktuelles Beispiel für uns heute: Umstellung der Jobcenterangebote auf eine JobcenterApp – wer es nicht digital hinbekommt, ist aus dem System raus, was für uns als beratende Organisation viel Kopfschmerzen bedeutet.
- Motivation durch Engagement-Möglichkeiten: Lernen wird zunehmend gekoppelt mit Engagement-Chancen – also nicht nur Wissen erwerben, sondern einsetzen. Das schafft Sinn und verstärkt Motivation.
In unserem Projekt bei Club Dialog e.V. im Rahmen von BELL versuchen wir zum Beispiel die Teilnehmerinnen für den Bundesfreiwilligendienst oder für andere Formen des Engagements zu aktivieren.
Vielen Dank für das Interview!
Quelle: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ)