Russisches Berlin

Russischsprachige Community in Berlin

Zur Geschichte

Russischsprachige Menschen lebten bereits vor der Wendezeit in Berlin. In Ostberlin waren es ungefähr 3.500 Sowjetbürger/innen aus ca. 40 verschiedenen ethnischen Gruppen, mehrheitlich Frauen, die vorwiegend in binationalen Ehen lebten. Viele von ihnen waren Akademikerinnen, die sich schnell integrierten, da sie Arbeit hatten, die oft ihrer Qualifikation entsprach.
In Westberlin lebten ungefähr 3.000 Sowjetbürger/innen, überwiegend jüdische Migranten/innen, die im Rahmen der Auswanderung nach Israel entscheiden konnten, ob sie in Europa bleiben oder weiter nach Israel auswandern. Diese Gruppe war vor allem wirtschaftlich sehr aktiv und relativ erfolgreich. Unter ihnen gab es auch einige Dissidenten/innen, die auch weiterhin eine oppositionelle Haltung in Bezug auf die Sowjetunion vertraten.
Sowohl in Ost- wie auch in Westberlin gab es keine Selbstorganisationen von diesen Gruppen. Nach Beginn der Perestrojka-Politik im Jahr 1985, die die DDR-Regierung ablehnte, war der Bedarf nach Kommunikation, besonderes in Ostberlin, sehr groß. Diese Entwicklungen und eine Reihe anderer Faktoren führten dazu, das im Frühjahr 1988 eine kleine Gruppe sowjetischer und DDR- Bürger/innen eine informelle Initiative in Ostberlin gründete, um den kulturellen wie den politischen Dialog anzuregen und den in Berlin lebenden russischsprachigen Menschen lebendige Kommunikation zu ermöglichen. Im November 88 wurde auch der Name Club Dialog geboren: “Club“ - als Ort des friedlichen und freien Meinungsaustausches und „Dialog“ – als politisches Programm.

Der Prozess des Zerfalls der Sowjetunion und den Ostblockstaaten Ende der 80’er/ Anfang der 90’er Jahre leitet eine neue Welle der Migration aus der Sowjetunion nach Deutschland ein. Die größte Anzahl an Einwanderern/innen aus der Sowjetunion reist in der Zeit zwischen 1989 und 1993 nach Deutschland und u.a. nach Berlin ein. Die größten Gruppen unter ihnen waren und sind Russlanddeutsche und jüdische Einwander. Bei den Russlanddeutschen handelt es sich um eine Gruppe mit langer Einwanderungstradition nach Deutschland. Die Gruppe jüdischen Migranten/innen aus Russland war dagegen eine neue Einwanderungsgruppe. Ihre Einreise nach Deutschland fand aufgrund der Entscheidung des Runden Tisches der DDR statt, die von der vereinigten Bundesrepublik übernommen wurde. Für diese Gruppe wurde später ein neuer Status „Kontingentflüchtling“ eingeführt und ab 1994 wurden entsprechende Kontingente festgelegt.
Die epochalen Veränderungen durch die Wiedervereinigung wie auch ihre Folgen mit hoher Arbeitslosenzahl insbesondere im vereinigten Berlin stellten die Stadt vor große Herausforderungen. Leider bleibt die berufliche Integration in den ersten Arbeitsmarkt für die Mehrheit der Eingewanderten auf Grund der Arbeitsmarktsituation in Berlin nach der Wende und anderer Probleme wie z.B. Nichtzulassung zur Anerkennung oder Nichtanerkennung von beruflichen oder Hochschulabschlüssen verwehrt.

Aktuelle Situation

Zurzeit leben etwa 170.000 russischsprachige Einwanderer aus verschiedensten Nationalitätengruppen in Berlin. Zu der größten Gruppe zählen deutschstämmige Aussiedler und Spätaussiedler und ihre Angehörigen (Fast 50% der Aussiedlerfamilien sind binational). Zur zweitgrößten Gruppe zählen Kontingentflüchtlinge und ihre Angehörigen. Weiterhin zählen auch Menschen aus binationalen Ehen mit Bundesdeutschen zu russischsprachigen Einwanderern, ebenso sogenannte Nachkömmlinge aus Aussiedlerfamilien sowie Einwanderer aus anderen familiären Zusammenhängen. Eine relativ neue Gruppe bilden Einwanderer aus Estland, Litauen und Lettland, die in Rahmen der EU-Freizügigkeitsregelung nach Deutschland kommen.

Erste Generation der Einwanderer

Hierbei handelt es sich um Einwanderer, die Anfang/Mitte der 90’er Jahre nach Berlin gekommen sind.

Gruppe der jüdischen Kontingentflüchtlinge

  • Diese Personen kommen meistens aus Großstädten
  • Mehrheit verfügt über akademische Ausbildung, die aber in Deutschland entweder gar nicht oder nur teilweise anerkannt wird: dazu zählen vor allem Abschlüsse in nicht reglementierten Berufe
  • Die meisten sind hochmotiviert, sich zu integrieren und selbstständig zu agieren

Gruppe der Aussiedler/innen

  • Kommen meist aus ländlichen Gebieten und Kleinstädten
  • Die Mehrheit verfügt über einen beruflichen Abschluss und Arbeitserfahrungen
  • Großeltern- und teilweise Elterngeneration verfügt über deutsche Sprachkenntnisse, die aufgrund des starken Dialekts nicht anwendbar sind
  • Die jüngere Generation verfügt kaum über Deutschkenntnisse. Ihre Schulabschlüsse, die im Herkunftsland zum Studium berechtigte, gelten in Deutschland als Hauptschul-, im besten Fall, als Realschulabschlüsse

Die erste Generation der Einwanderer im berufsfähigen Alter hatte auf dem deutschen Arbeitmarkt der 90’er Jahre kaum eine Chance zur beruflichen Integration aufgrund:

  • der Nichtanerkennung von Berufs- und Studienabschlüssen
  • der ungenügenden Deutschkenntnisse (obwohl Deutschkurse absolviert wurden und die Teilnehmer/innen hoch motiviert waren, die Sprache zu lernen, gab es kaum Möglichkeiten, die Sprache in der (beruflichen) Praxis anzuwenden)
  • der Situation auf dem Arbeitsmarkt nach der Wiedervereinigung mit hoher Arbeitslosigkeit unter den Deutschen sowie dem damit verbundenen Konkurrenzdruck

Zweite Generation der Einwanderer/innen

Hierbei handelt es sich um Kinder der in den 90’er Jahren eingewanderten Migranten/innen im Alter von 0 – 19 Jahren. Viele Eltern verbinden mit ihren Kindern die Hoffnung auf einen Erfolg in der deutschen Gesellschaft, der der Elterngeneration oft verwehrt blieb. Bildung nimmt damit einen sehr hohen Platz im Wertesystem ein, so dass die Eltern bereit sind, viel in die Bildung der Kinder zu investieren. Erkannt ist inzwischen auch die Wichtigkeit der bilingualen Erziehung. In Berlin gibt es über 20 bilinguale Kindergärten und verschiedene Wochenendangebote sowie eine Grundschule mit dem bilingualen pädagogischen Ansatz.
Russischsprachige Schüler/innen werden in den seltensten Fällen zu Problemgruppen an Berliner Schulen gezählt.
Die Eltern legen großen Wert auf Erhalt bestimmter Elemente der russischen Kultur und Kenntnisse der russischen Sprache. Genauso wichtig ist aber die feste Verortung der Kinder in der deutschen Gesellschaft.

Vereine der russischsprachigen Bürger/innen in Berlin

Aufgrund der genannten erschwerten Bedingungen, die eine erfolgreiche berufliche Integration oft verhinderten, begannen viele russischsprachige Bürger/innen sich zivilgesellschaftlich zu engagieren. Bis zum Jahr 1993 gab es in Berlin nur den Club Dialog e.V., als einzigen Verein, der kulturelle und soziale Angebote für russischsprachige Migranten/innen unterbreitete. 1993 wurden noch drei Vereine gegründet, darunter die Interkulturelle Pädagogische Vereinigung Mitra e.V., die eine Pionierrolle bei der Gründung bilingualer Kindergärten in Berlin hatte und deren Ansatz von vielen später gegründeten Vereinen übernommen wurde. Der überwiegende Teil der Vereine konzentriert sich auf den Erhalt der russischen Sprache und Kultur. Die Vereine sind nach Herkunft ihrer Mitglieder organisiert. So gibt es bspw. einen Klub der Moskauer, einen Odessa- Klub oder einen Klub der St.-Petersburger usw. Einige Aussiedlervereine und Einzelpersonen sind auch an verschiedenen Dachverbänden angegliedert, wie bspw. dem Bund der Vertriebenen. Andere sind Mitglieder des Verbandes für interkulturelle Arbeit VIA e.V. Viele Vereine arbeiten ehrenamtlich. Es gibt auch Vereine, wie zum Beispiel Club Dialog, Harmonie und Mitra, die vom Büro des Integrationsbeauftragten gefördert werden und im Stande sind, andere Fördermittel zu akquirieren.
Die jüdische Gemeinde mit ca. 12.000 Mitgliedern hat Mitte der 90’er Jahre Integrationsprogramme für Kontingentflüchtlinge aufgelegt und spielt bei der Integration von jüdischen Einwanderer/innen in die deutsche Gesellschaft als auch in das jüdische Leben in Berlin eine wichtige Rolle.

Herausforderungen/Aufgaben

Die Partizipation von russischsprachigen Menschen an politischen und gesellschaftlichen Prozessen muss weiter gefördert werden. Die russischsprachige Community muss sich der Wichtigkeit dieser Aufgaben bewusst werden. Auch die deutsche Politik und Gesellschaft muss die Potentiale und den Gewinn einer gesellschaftlichen Teilhabe der russischsprachigen Menschen erkennen und wertschätzen.
Auch die Förderung von interkulturellen Ansätzen muss weiter vorangetrieben und realisiert werden.

Club Dialog e.V.

Friedrichstraße 176-179
10117 Berlin-Mitte
Tel.: +49 (0) 30/20 44 859
Fax: +49 (0) 30/20 44 610

E-Mail: info@club-dialog.de

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U6 Französische Straße
U2 Stadtmitte

Öffnungszeiten des Büros:
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